#SYSTEM #KAPITALISMUS #G20

„Die Welt ist aus den Fugen geraten.“

Seit Wochen war es mir ein inneres Bedürfnis zum G20 nach Hamburg zu fahren. Warum? Weil ich mir auch hier, wie immer, mein eigenes Bild machen wollte – unvorgeformt von Meinungsmachern. Außerdem hatte ich im Gefühl, dass dieses Wochenende ein bedeutendes Ereignis in unserer Geschichte sein wird. Auch für mich als linker Antagonist der kapitalistischen Welt. Dazu war es schon fast "eine Pflicht", wenn man die Gesamtheit der bestehenden Probleme der aktuellen Zeit sieht: Ich dachte mir, wenn man eine wirklich bewegende Demonstration mitnimmt und gemeinsam ein sichtbares Zeichen für die Menschheit setzen will, dann auf jeden Fall diese. Also habe ich es getan und begab mich alleine auf die Reise nach HH.

Mir war 1. klar: Es werden viele Menschen kommen.
Mir war 2. klar: Es wird ein großes Gewaltpotential vorhanden sein.
Wer überhaupt auf die Idee kommt und mitten in einer Stadt wie Hamburg einen Gipfel von so einem Potential abhalten lässt, der ist entweder
[A] geisteskrank, hat
[B] seinen politischen Job verfehlt, oder hat
[C] genau damit kalkuliert.

Schon auf der M F G im VW-Kleinbus wurde heftig debattiert. In Hamburg-Eimsbüttel angekommen, traf ich noch einen Freund und wir machten uns auf Richtung Schanzenviertel. Auf dem Weg dorthin begegneten uns ständige Straßensperren, Hundertschaften, endlose Fahrraddemos. An der roten Flora angekommen fingen schon an die ersten Barrikaden auf den Straßen zu brennen, die Gitter der HaSpa wurden auseinander gebogen, gegen Tore und Türe getreten. Außerdem hörten und sahen wir, dass ein REWE geplündert wurde. Immer wieder kamen uns Menschen entgegen gerannt mit gesammelten Nahrungsmitteln, verteilten sie unter den Menschen und schrieen den Slogan: „Alles für alle. Und umsonst.“ Später dann kamen die Menschen gerannt, die komplett durchnässt und mit Tränengas in den Augen in die anderen Richtung rannten. Es wirkte wie Bürgerkrieg oder wie der Beginn einer Anarchie. Einige Vermummte rannten umher um Barrikaden-Material zu horten, anderen verschütteten zelebrierend Gin in das Feuer, andere wiederum ließen ihre gesamte aufgestaute Wut an kapitalistischen Symbolen aus.

Ich beobachtete Szenarien, wo sich Hamburger Autonome und/oder Einwohner mit Einzelnen des zugereisten schwarzen Block auseinander setzten: Entweder weil ihnen gewaltvoll verboten wurde zu Fotografieren oder weil sie die Brände in ihrem Viertel löschen wollten.

Zur gleichen Zeit begann in den Nachrichten nach einem dekadenten Essen das Konzert in der Elbphilharmonie für die weit angereisten G20-Teilnehmer. Als ich das sah, verlor ich kopfschüttelnd meinen Freund und war von der Polizei eingekesselt. Sie kamen schnellen Schrittes und schrieen: „Es reicht. Jetzt ist vorbei, rein oder raus jetzt aus dem Kiez.“ In einer Nische wartete ich mit einem völlig aufgelösten russisch stämmigen Mann, der vor sich hin redete. Irgendwann kam er rüber und fiel mir um den Hals. Er verstand die Welt nicht mehr, war an Arm und Hand mit Blut überströmt und schrie mich gemischt auf russisch und deutsch an. Er erzählt mir, dass er niedergetreten wurde, immer wieder – von der Polizei. Obwohl er nur hier war um sein Bier zu trinken. Ich drehte ihm seine Kippe und bracht den wiederwilligen Mann vorsichtig über die Straße zu den Sanitätern, während an mir die Flaschen auf die Polizei vorbei flogen. Irgendwann fand ich meinen Freund wieder, der auch von der Polizei mit „Du Wichser" in die Waden geknüppelt wurde und komplett durchnässt war, während er langsam einfach nur das Gelände verlassen wollte.

Zwischendurch stellt ich mir immer die Frage: Was macht eigentlich ein Mensch, wie ein Polizist, wenn er auch gegen das kapitalistische System ist, weil er den Job nur gewählt hat, um wie ein Arzt, Gutes für die Gesellschaft zu wollen? Wahrscheinlich seinen Job ausführen... Die Polizei hatte an dem Abenden zwei Aufgaben: 1. Die Gipfelteilnehmer schützen und in zweiter Priorität die Stadt. Für mich klang das mit der Lage vor Ort nach einer sehr, sehr schwierigen Aufgabe und nach einem total von der Politik inszenierten blödsinnigen Unterfangen. Es waren dort 20.000 Polizisten im Einsatz – aus ganze Deutschland. 20.000! So brachte die vermummte Polizei schon Donnerstag die gesamte Demo wegen ein paar vermummten Demonstranten aus den Fugen, und musste dann mit einer Antwort leben. Gleichzeitig agierten sie so frei wie die Randalierer auch: Sie prügelten wahllos, entzogen Presse die Freiheit, reagierten unverhältnismässig mit Wasserwerfern, Pfefferspray und Tränengas – während die Randalierer private Autos entzündeten, Steine, Flaschen und Mollis auf Menschen warfen und Läden im eigenen Kiez beschädigten.
Man merkte in der Nacht noch bis 3/4 Uhr, dass das Katz-Maus-Spiel weiter ging, während andere auf den Hauptstraßen der Stadt Fussball spielten, feierten oder mit regelmäßigen Flaschenwürfen auf Wagen und Menschen provozierten.

Am nächsten Abend wollten wir uns noch einmal mit Hamburger Freunden treffen, während wir tagsüber, zwischen massenhaft kreisenden Hubschraubern, Blaulichtern und Partei-Ständen, die die Gunst der Stunde nutzen für sich zu werben, an den Landungsbrücken Sonnenkraft tanken wollten. Doch diesmal waren Station für Station, Kreuzung für Kreuzung, systematisch abgegrenzt und undurchlässig. Also machten wir erstmal Rauch-Rast auf einem Stein in einer Seitenstraße neben einem Protestcamp auf öffentlichem Kirchengelände. Irgendwann wurde wir aggressiv angesprochen, dass wir jetzt sofort den Ort dort verlassen sollten, weil wir das Camp ausspähen würden und auch aussehen wie Feinde (grüne Leuchtbadehose, schwarze Jacke, Hardcore-Shirt + schwarzes Shirt, Jeans – ach ja es war der Kahlkopf)? Nach einem intensiven Gesprächen durften wir weiterhin gastieren. Auch an der Sternenschanze gab es weiterhin 0-Toleranz-Politik. Die Cops schickten dich schreiend und fuchtelnd in die andere Richtung, wenn du nach Hause wolltest. Die Nerven lagen blank, überall!

Am Ende ist es nun genauso gekommen, wie ich gesagt habe – überall wird nun debattiert, wer ist der Schuldige, wer nicht. Wer soll zurücktreten, wer wen ersetzten. Im Netz werden genauso viele Fotos / Videos von gewalttätigen Demonstranten verbreitet, wie auch von prügelnden Polizisten und direkt für Hetzkampagnen verwendet – es kommt eben nur darauf an welchen Medien man "folgt" und was Diese wie befeuern.
Die Leidtragenden sind die verletzten Demonstranten, die ihr Leben für uns gegeben haben aber auch die blind ausführende Polizei und jeder Bürger auch. Die Gewinner sind die Teilnehmer des G20-Gipfels, denn die hatten ihren Kultur-Action-Ausflug auf Staatskosten. Sie werden jetzt mit großen Tönen sagen, wir müssen mehr der Gewalt entgegen bringen, erst recht der Gewalt der Linken: Das heisst mit diesem Wochenende wird wieder mehr Überwachung gerechtfertigt werden, weniger Privatsphäre. Es war zu viel Mensch gegen Mensch, viel zu viel Ego, viel zu viel Ideologie und Leitbilder gegen "die Anderen" – anstatt sich einfach mal für die Sache zusammen zu tun, fokussieren und zu erkennen. Dies wird die Gesellschaft noch mehr aufspalten, in Links und Rechts – und die werden sich immer und mehr weiter gegenseitig bekriegen, während "da oben" weiterhin Ruhe für verkappte Politik ist (siehe [C]^^). Denn dafür haben sie ja in der immer mehr anwachsenden Zwei-Klassen-Gesellschaft im Notfall immer ihre bezahlte "Leibgarde". Hatten wir schon öfter in der Geschichte, hies nur anders.
Man sieht schon an der Menge der 63 Parteien dieses Jahr wie viele eigentlich das selbe Wollen, oder gar nur für eine kleine Sache stehen. Aber anstatt sich zusammen zu tun, macht jeder seine kleine Gruppe, ohne nach links und rechts zu schauen: Nur Masse kann bewegen!!! – im mittlerweile Mainstream "Crowdfunding" wurde das doch auch kapiert.

Das eigentlich Problem ist in der Hintergrund gerückt. Es waren viele da, aber trotzdem gerade einmal zwischen 50.000 und 75.000 Menschen, die demonstriert haben. Allein durch diese zwei fahrlässigen Tage wurde die 130 Millionen Euro Marke deutlich überschritten, während weiterhin alle paar Sekunden ein Kind auf dieser Welt an Hungertod stirbt. Ziel erreicht. Nicht.

Ein Linker. Diplomat.